Boulderwald
Blog · Training & Technik

Besser Bouldern durch Projektarbeit.

Nicht mehr probieren, sondern anders probieren. Wie ich an Projekten arbeite und was dich wirklich weiterbringt.

Daniel Dörr · DAV-Kletterbetreuer·Boulderwald

Was ist ein Boulderprojekt eigentlich?

Ein Projekt ist ein Boulder, den du noch nicht flashen kannst, aber einer, bei dem du glaubst, dass du ihn irgendwann schaffst. Das ist der Unterschied zu einem Problem, das schlicht außerhalb deines Levels liegt.

Projekte brauchen mehrere Sessions. Du kommst zurück, du versuchst es wieder, du lernst den Boulder Zug für Zug kennen. Das ist der Kern von Projektarbeit: nicht Kraft aufwenden, bis es klappt, sondern verstehen, warum es noch nicht klappt.

Die drei Phasen eines Projekts

Phase 1, Dekonstruktion: Du zerlegst das Problem in Einzelzüge. Welcher Zug ist der Schlüssel? Wo verlierst du Kraft? Welche Fußposition fehlt dir? Das machst du von unten, mit den Augen, nicht mit den Händen.

Phase 2, isoliertes Training: Du arbeitest die Crux-Züge einzeln. Nicht den Boulder von vorne bis hinten, immer wieder. Sondern: Zug 4 und 5, bis sie sitzen. Dann Zug 3 bis 5. Dann 1 bis 5.

Phase 3, Verkettung und Durchstieg: Wenn alle Züge einzeln sitzen, arbeitest du an den Verbindungen. Wie kommst du erholt in die Crux? Wie hältst du am Ende noch zu, wenn du schon Pump in den Armen hast? Das ist die interessanteste Phase.

Was dich wirklich besser macht, und was nicht

Auf meinen Touren sehe ich zwei Typen von Boulderern: die, die 'mehr probieren', und die, die 'anders probieren'. Die ersten werden müde und frustriert. Die zweiten werden besser.

Was dich besser macht: bewusstes Feedback nach jedem Versuch. Was hat nicht funktioniert? War es Kraft, Technik, Körperposition, mentale Blockade? Du kannst nur verbessern, was du auch erkannt hast.

Was dich nicht besser macht: jedes Mal von vorne, volle Kraft, ohne nachzudenken. Das trainiert Ausdauer, bringt dich an dem Problem, an dem du gerade arbeitest, aber nicht weiter.

Die mentale Seite: Projekte brauchen Geduld

Ich habe Boulder, an denen ich mehrere Wochen gearbeitet habe. Manchmal Monate. Das ist kein Versagen, das ist einfach der Prozess.

Was ich gelernt habe: Projekte brauchen ein Ende-Datum in deinem Kopf. Nicht weil du Druck brauchst, sondern weil unbegrenzte Projekte absterben. Ich sage mir: 'Diese Saison.' Wenn es klappt: super. Wenn nicht, nehme ich mit, was ich gelernt habe, und starte nächste Saison schlauer.

Der Durchstieg kommt meistens dann, wenn du aufgehört hast zu greifen und angefangen hast zu fließen. Klingt mystisch, stimmt aber. Verkrampftes Probieren verhindert den guten Versuch.

Wie ich Projektarbeit auf Touren einbaue

Auf meinen Touren, besonders in Fontainebleau, arbeiten wir uns nicht einfach von Boulder zu Boulder. Wir schauen, was jeder Teilnehmer braucht.

Wenn jemand an einem bestimmten Move steckt, nehme ich mir Zeit. Wir schauen uns die Biomechanik an, wir probieren verschiedene Körperpositionen, wir reden über Fußarbeit. Das ist kein Unterricht, das ist gemeinsames Rausfinden.

Deswegen nehme ich maximal acht Leute mit. Bei mehr kann ich nicht mehr jedem geben, was er braucht.

Konkrete Methode: Das Projekt-Log

Ich empfehle ein Notizbuch (oder die Notes-App) mit einem Eintrag pro Session: Was habe ich probiert? Was hat nicht funktioniert? Was ist mein Plan für nächstes Mal?

Klingt pedantisch, aber nach 10 Sessions weißt du nicht mehr, was du in Session 3 rausgefunden hast. Das Log ist dein Gedächtnis. Und es zeigt dir Fortschritt, auch wenn der Durchstieg noch nicht da ist.

Drei Felder reichen: Problem, Was nicht geklappt hat, Nächster Versuch.

„Ich sage meinen Teilnehmern auf Touren immer: Der Durchstieg ist schön, aber du lernst mehr aus dem Prozess. Wenn du weißt, warum ein Move nicht klappt, bist du schon besser als 80 % der Boulderer, die einfach immer wieder drücken."

Daniel Dörr

Projektarbeit live: auf einer meiner Touren.

Ich coache jeden Teilnehmer einzeln. Niemand sitzt auf der Bank.

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